Cruise Control

“Hello, how are you?” Der Reflex ist “Good, how are you?”. Er sollte es sein. Das muss schnell gehen, das muss sitzen. Wenn man nur ein bisschen überlegen muss, fühlt sich die ganze Situation schnell unnatürlich an. Und so ist es mit allen Dingen. Es gibt keine Automatismen – woher auch, nach der kurzen Zeit?

Und damit beginnt es. Sprache. Ich würde nicht von mir behaupten, schlecht Englisch zu sprechen. Allerdings ist “sprechen” und “dauerhaft in den Alltag integrieren” etwas komplett Verschiedenes. Die einfachsten Floskeln sind kompliziert, weil man die passende Replik nur auf Deutsch parat hat, und die wörtliche Übersetzung im Englischen keinen Sinn ergibt. Damit einher geht eine relative Schweigsamkeit in Alltagssituationen und fremden Menschen (sprich: beim “Netzwerken” oder einfach nur so). Das wird stärker, je englischer das Gegenüber ist. Auch das schnelle Erklären von Sachverhalten oder “im Vorbeigehen aufschnappen” ist unheimlich kompliziert. Im Überraschungsmoment benutze ich deutsche Ausdrücke. Und derer gibt es viele, weil “unvermittelt angesprochen werden” auch dazu gehört, und das passiert sehr oft. Es ist eine sehr interaktive Gesellschaft, was wiederum den Vorteil ist, dass man sehr schnell mit Menschen ins Gespräch kommt und neue Leute kennenlernt.

Essen. Auch so ein Thema. Man steht halt morgens auf, guckt in den Kühlschrank – der idealerweise bevorratet ist – oder geht schnell was kaufen, isst das und los. Bäcker gibt’s hier nicht (dafür Brötchen im Supermarkt, hat ein bisschen gedauert, bis ich auf die Idee gekommen bin), und “was drauf” ist auch nicht so trivial. Ich gehe ja in den Supermarkt (ich ging), hörte auf meine inneren Gelüste und kaufte. Meist Käse (verschiedene Sorten), manchmal Wurst, anderen Aufstrich, Milch, etc. Das gibt’s natürlich hier alles nicht. Käse ist teuer und die Auswahl klein. Dito Wurst. Immer Marmelade ist keine Alternative, und obwohl ich bei Twitter bin, bin ich kein großer Nutella-Fan. Erdnussbutter schon gar nicht. Ausprobieren ist auch nicht so richtig möglich – das ist einfach kein Bemmenland hier. Und Obst und Gemüse ist teuer, sieht komisch aus aber schmeckt meistens irgendwie doch. Die Alternative heißt rausgehen (wohin??) oder was bringen lassen (von wem??). Aber doch nicht zum Frühstück… Mit der Folge, dass einfache Dinge wie Essen kompliziert werden allein dadurch, dass es eben nicht so einfach ist, Dinge zu bekommen. Daraus wiederum folgt, dass ich mich wie ein Tourist ernähre mit den entsprechenden Folgen (was an Geld fehlt, kommt an Kilos drauf).
Glücklicherweise ist die kulinarische Vielfalt ob der kulturellen Vielfalt sehr hoch – allerdings wird “mal schnell was bestellen” auch wieder zum Problem, wenn die Speisekarte nur unbekannte Gerichte beinhaltet, die ich aber als einziger nicht zu kennen scheine.

Von A nach B kommen ist einen eigenen Eintrag wert. Ich vermisse Radfahren, und zur Metro zu laufen dauert echt lange. Zudem ist das Konzept “Fußweg” in Teilen sehr frei interpretiert worden, sodass manchmal Menschen zwischen zwei mehrspurigen Straßen stehen, und man sich fragt, wie die dahingekommen sind – und ein paar Tage später den Weg genau dorthin bestens kennt. Weil man ganz woanders hin wollte. Also bleibt das Auto, und das ist das nächste. Durch das ganze Konzept hier und durch das fehlende Wissen um den Weg ist es nicht möglich, einfach mal entspannt Auto zu fahren.

Beliebtes Element der Konversation ist ja immer das Wetter. Das gibt hier sehr smallen Talk: draußen ist es warm. Ende. Hier normal, aber für mich immer noch ungewohnt - vor allem in der Nacht. Da erwarte ich, vor die Tür zu treten und erfrischt zu werden oder gar zu frösteln. Stattdessen geht das Schwitzen los. Und das, obwohl es so warm gar nicht ist (ca. 27º) – aber die Luftfeuchtigkeit steigt zum Abend hin. Schlussendlich ist es einfach nur die Korrektur der Erwartungshaltung durch Abgleich mit der Realität, die so überraschend ist. Ein Automatismus.

Es geht noch weiter: der Herd ist kaputt, was tun? Den Elektriker rufen oder der Hausverwaltung Bescheid geben? Beides nicht ganz so einfach. Wenn man einen Elektriker findet, spricht der mit Glück eine verständliche Sprache, allerdings fehlen mir die Fachtermini, um ihm schnell das Problem zu erklären. Eine Hausverwaltung in der klassischen Form gibt es hier nicht, und selbst wenn, ist sie für genau solche Fälle nicht zuständig – das muss mit dem Eigentümer besprochen werden. Der nicht erreichbar ist. Also wird mit Kochplatte gekocht.

Ein weiterer Fakt, der speziell mir zu schaffen macht ist, dass mein gesamtes Alltagswissen praktisch wertlos ist. Das ist im Speziellen oben schon aufgeführt, aber auch im Allgemeinen ist das wirklich kompliziert. Es ist schwierig, das in Worte zu fassen, aber beispielsweise neue bürokratische Abläufe erfasst man dadurch, dass man die unterliegenden Regeln grob kennt und dann den Ablauf in Gänze erfasst. Ein oder zwei Details bedürfen der Nachfrage, aber im Grunde ist es nachvollziehbar. Tja, kenne ich hier nicht. Nicht so, wie ich es müsste, um nicht bei jedem Formular bei jedem zweiten Feld nachfragen zu müssen. Immerhin weiß ich jetzt, dass man hier eine Religion angeben muss, und Marxismus-Leninismus gilt nicht.

Essen, Sprechen, Denken, Zurechtfinden. Alles ist immer Konzentration. Alles geschieht bewusst. Das schlaucht ungemein, und ich bin üblicherweise nach 12 Stunden gut geschafft. Aber es ist eine ungemein lehrreiche Erfahrung, dieser Automatismen – wenn auch durch ihr Fehlen – gewahr zu werden. Und eine weitere Möglichkeit, dazuzulernen und Dinge anders zu machen. Und nicht so viel drüber nachdenken, einfach machen. Das hat sich bis jetzt als sehr erfolgreicher Workaround bewährt.